Sonntag, 7. Dezember 2014

Sonntag, 7. Dezember, Mount Magnet, WA. Zweiter Advent und es ist warm.



Sonntag, 7. Dezember

Helen führt uns auf dem Gelände herum, zeigt uns die Pit mit dem Schrott und den Flieger, der zum Aufspüren der Schafe gebraucht wird. Daneben erzählt sie viel über das Leben auf der Schaffarm und über ihre Situation im Besonderen. Das klingt ziemlich negativ, bei Brian stellte sich die Lage positiver dar. Vielleicht ist das auch ein Mentalitätsunterschied.
Meine Crocs liegen in den letzten Zügen, ich hoffe, dass sie noch durchhalten bis zum Abflug. Die Sohlen sind so dünn, dass ich jeden Stein spüre und dass die Dornen der vierzackigen Samen durchkommen bis zur Fußsohle.
Auf dem weiteren Weg nach Nordosten halten wir überall an, wo es etwas zu sehen gibt - in Yalgoo steht eine weitere Kapelle von J. C. Hawes, seine kleinste, sie gehörte zu einem von ihm initiiertem Dominikanerinnenkonvent - und landen so gegen 13.00 Uhr in Mount Magnet, einem Bergbauort - denke ich, so wie die Umgebung aussieht. Das öffentliche Freibad hat geschlossen - an einem Sonntag! - im Campingplatz ist niemand da, die angegebene Nummer ist auf einen Anrufbeantworter umgeleitet. Eine junge Frau, sie ist als Gast auf dem Platz, sagt uns, wir könnten uns einen Platz suchen und uns einrichten, es käme dann jemand vorbei.
Gesagt, getan. Die Plätze ohne Stromanschluss sind unter Bäumen, also gibt es hier Schatten. Der Wind nimmt langsam wieder zu, nachdem er vorhin ganz eingeschlafen war, eine leichte Brise ist jetzt sogar willkommen. Die Campingküche sieht gut aus, da ist es nicht so wichtig, woher der Wind kommt.
Flowering Tree

Samstag, 6. Dezember

Nikolaus - das kennt man hier in Australien nicht. Die Werbung ist, wenn überhaupt, bereits auf Weihnachten ausgerichtet. Im Vergleich zu uns ist es hier angenehm unaufgeregt in dieser Vorweihnachtszeit. Die Geschäfte sehen fast normal aus. Klar, es gibt gelegentlich Weihnachtsschmuck oder Lebkuchen (Gingerbread), gestern stand am Straßenrand ein geschmückter Karren mit großen eingepackten Geschenken, aber meist sehen wir nicht, welche Zeit jetzt ist. Die anstehenden großen Ferien sind wichtiger. Außerdem ist es für uns ungewohnt, wenn als Weihnachtsgeschenke luftige Kleider, Trägershirts oder Shorts angeboten werden.
Wie schon gestern und vorgestern fahren wir durch hügeliges Farmland. Auf und ab windet sich die Straße um die Hügel herum. Neben uns führt eine eingleisige Eisenbahnstrecke, wir mäandern umeinander herum. Denn an manchen Anstiegen ist die Streckenführung der Straße für die Eisenbahn zu steil, dann müssen die Geleise in Bögen verlegt werden. Kaum jemand ist unterwegs, dabei ist heute Samstag. Mag sein, dass alle in der Stadt in den Einkaufszentren sind.
In der Nähe der O'Brien Station steht auf von den O'Briens zur Verfügung gestelltem Gelände eine kleine Kapelle, Koojerana, wir fahren hin und sehen sie uns an. Sie ist geschlossen, aber vermutlich gibt es innen auch nichts anzuschauen. Die Kapelle wurde 1934 entworfen vom Franziskaner und Architekten John Cyril Hawes, der zu dieser Zeit (von 1915 bis 1939) Prediger in Mullewa war, und 1935 geweiht. 1972 wurden wegen Priestermangels die regelmäßigen Services eingestellt, die Kapelle wurde sich selbst überlassen. Regen - wenn auch nur gelegentlich, dann aber richtig - Termiten und Vögel taten das ihrige, so dass die Kapelle vor dem völligen Zerfall stand. 1999 taten sich ein paar Anwohner zusammen und mit finanzieller Unterstützung der O'Briens Familie, die schon den ersten Bau ermöglicht hatte, gelang es, die Kapelle wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen.
In Mullewa, unserem nächsten Halt, folgen wir erst dem Town Heritage Trail, dann dem Railway Heritage Trail. Mullewa - ich denke bei dem Namen immer an Helme Heine und die drei Freunde - ist uns zum ersten Mal untergekommen, als wir von Carnarvon zur Kennedy Range und zum Mt. Augustus unterwegs waren, denn da fuhren wir eine Weile auf der Carnarvon Mullewa Road. Mullewa liegt an einem wichtigen Knotenpunkt und es gibt Wasser. Deshalb führte die De Grey Mullewa Stock Route hier entlang. Auf ihr wurde das Vieh aus dem Norden nach Perth gebracht. 1895 bekam Mullewa einen Eisenbahnanschluss nach Geraldton, ab da endete die Stock Route hier, Cattle und Schafe wurden hier in die Bahn verladen. Auf der De Grey Mullewa Stock Route, die wesentlich weniger bekannt ist als z. B. die Canning Stock Route, wurden mehr Tiere in den Süden gebracht als auf all den anderen Wegen zusammen! Mit der Eisenbahn wurde Mullewa noch größer, noch wichtiger, denn weitere Linien kamen dazu: Eine nach Mt. Magnet und weiter nach Meekatarra und eine über Northam in den Süden. Doch mit dem Ende der Eisenbahnzeit ging auch Mullewas große Zeit zu Ende. Heute gibt es noch eine Bahnlinie, auf der Eisenerz nach Geraldton gebracht wird, keinen Personenzugverkehr mehr, es gibt nur noch ein Hotel, nur noch eine Tankstelle und nur ein kleines Geschäft, eine Art Tante Emma Laden. Daneben sind eine Distrikt Highschool, einen Polizeiposten und die Shire Verwaltung hier angesiedelt. Einwohner sind bis auf ein paar Aboriginals und zwei Weißen im Schwimmbad nicht zu sehen. Viele Geschäfte und Häuser stehen leer und sind zu verkaufen. Ob wir als Deutsche hier etwas kaufen dürften? Die Freimauerer, die bei dem Bau der Loge 116 Mitglieder zählten und ein paar Jahre später sogar mehr als 150, haben vor einigen Jahren ihren Ortsverein aufgelöst, die Landfrauen gibt es seit vier Jahren nicht mehr, ihr Haus steht ebenso leer wie die im viktorianischen Stil mit australischen Anpassungen (Blechdach!) erbaute Loge.
Aus der Dampfeisenbahnzeit ist ein großer eiserner Wasserbehälter von 1913 erhalten, wenn auch nicht mehr funktionsfähig. Das Fassungsvermögen betrug 25.000 Gallonen oder 111.250 l. Das Ding wurde in Wales gebaut und per Schiff nach Australien gebracht, auf irgendeinem Weg hierher geschafft und auf einen Unterbau aus Holz mit 16 Stützpfeilern gestellt. Wie das gemacht wurde, ist mir schleierhaft. Dazu gibt es noch den Wasserspender an der Bahnstrecke, mit dem die Lokomotiven betankt wurden. Auch der ist in Wales hergestellt worden. Sonst ist noch einiges an Anlagen zu sehen, doch das meiste ist dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen.   
Am Rande von Mullewa ist ein von J. C. Hawes entworfenes Priesterseminar, Der Entwurf ist inspiriert von einem Besuch Hawes in Cashel, Irland. Der Name der Kirche ist "Our Lady of Carmel".  
Ab Mullewa ist die Straße von ganz wenigen langgezogenen Kurven abgesehen schnurgerade, außer uns scheint immer noch niemand unterwegs zu sein. Gelegentlich kommt uns ein Roadtrain mit Getreide oder Eisenerz entgegen, das war's.  Ein Schild mit einem Hinweis auf einen Station Stay macht uns neugierig, wir biegen von der Hauptstraße ab und fahren hin. Es ist niemand da, ein Schild sagt uns, dass wir uns einen Platz suchen sollen, alles weitere ergibt sich dann. Für eine heiße Dusche sollen wir den Holzofen anschmeißen - Holz ist allerdings nicht in geeigneter Form vorhanden. Das Wasser ist auch so warm genug. Dafür gibt es eine große und gut eingerichtete Küche. Diese Schaffarm ist voll in Betrieb, die Küche wird oder wurde für die Shearer gebraucht. Allerdings halten die Waschräume keinem Vergleich mit Hamelin Station stand. Dafür darf man hier sogar beim Mustering, also beim Zusammentreiben der Schafe zur Schur, mithelfen und man kann reiten - gegen Cash natürlich. Später erfahre ich dann, dass die Schafe hier nur als Fleisch dienen, es gibt hier keine Schur mehr, deshalb sind die Unterkünfte für die Shearer in Gästezimmer umgewandelt. Und es gibt kein Mustering, immer so viele Schafe werden an einer Wasserstelle in einer Falle "gefangen", wie verkauft werden sollen. Sie sind an die Falle gewöhnt, die allerdings im "Normalfall hinten offen ist. Dabei darf man helfen.
Als die Hosts zurückkommen, werden wir - als einzige Gäste - eingeladen, den Swimming Pool zu benutzen. Danach sitzen wir mit den Gastgebern, Helen und Marc und ihre Tochter Rebecca, und zwei (deutschen) Work & Travel-Mädchen, Clara und Klara aus Dresden, im Patio und unterhalten uns. Die sechs Hunde wuseln um uns herum, drei von ihnen sind "Arbeiter", das merkt man am Verhalten. Der eine Rüde, Ned, sieht aus wie Red Dog, the Pilbara Wanderer. Brigitte darf ein kleines Känguru - etwa ein Jahr alt - mit einer Spezialmilch füttern. Dazu wird es wie ein Baby auf dem Arm gehalten und bekommt die Milch aus einer Flasche.
Während des Kochens eilt die Sonne dem Horizont entgegen, beim Essen geht sie unter. Wir schaffen es gerade noch vor dem Einbruch der Dunkelheit, mit dem Spülen des Abendessengeschirrs und dem Aufräumen der Camp Kitchen fertig zu sein. Heute ist Vollmond, aber das erleuchtet die Küche auch nicht - der Generator läuft nicht und soll auch nur für uns nicht eingeschaltet werden - angeboten wird es uns. Ein herrlicher Abendhimmel zeigt sich: Im Westen ist der Himmel gelbrot, die beiden Windräder und der Wasserspeicher erscheinen schwarz davor, im Norden und Süden ist es schon sehr dunkel und im Osten leuchtet der Vollmond. Eine Gruppe der winzigen Ameisen mag es gar nicht, dass ich mich zum Fotografieren an einen Baum anlehne. Sofort beißen sie zu, das ist ihr Weg.
After Sunset - still pumping
Zum ersten Mal seit vier Wochen können wir nach Einbruch der Dunkelheit ohne Pullover vor dem Auto sitzen und den Nachthimmel bewundern. Der Wind ist zwar noch immer kräftig, aber deutlich wärmer. Helen sagte vorhin, dass heute endlich die 40 Grad Grenze geknackt wurde, vorher war es kühler.

Freitag, 5. Dezember

Wenn wir versuchen, uns Zeit zu lassen, geht es immer besonders schnell. Und so stehen wir schon vor halb acht am Office, um unseren Ausreisestempel zu bekommen. Prince Leonard ist wieder ziemlich gesprächig, lässt aber dann nach. Er erinnert uns an die "königliche" Einladung für nächsten April (die gilt auch für unsere Freunde).
Vor PortGregory sind in Lynton die Reste eines Convict Hiring Depot zu besichtigen. Schreibt einer ins Besucherbuch: "I'd like to be a convict". Ich glaube, er hat nicht verstanden, dass es sich hierbei um Strafgefangene handelt, die als Straferleichterung "frei" arbeiten durften und dazu in den Westen verschifft und dort angeboten wurden. Sie waren aber immer noch Strafgefangene unter militärischer Aufsicht. Das Unterkunftsgebäude für die Häftlinge wurde 1856 fertiggestellt - vorher wohnten die Convicts in einem großen Zelt -, 1857 bezogen und 1859 geschlossen, weil das ganze System in Frage gestellt wurde wegen der hohen Kosten. In den Jahren 1850 bis 1859 wurden 1.947 Strafgefangene nach Port Gregory und weiter nach Lynton gebracht und meistens an die Minengesellschaft "vermietet". Die anderen wurden im Straßen- oder Hausbau eingesetzt (zum Beispiel zum Bau des Depot oder des Privathauses des Verwalters) oder an Farmen vergeben.
Port Gregory hat einen auf natürliche Weise geschützten Hafen: Ein Riff liegt vor der Bucht. Der Nachteil ist, dass es nur eine sehr schmale Einfahrt gibt, die navigatorische Fertigkeiten verlangt. Zu Segelschiffzeiten dürfte das Anlaufen der Bucht äußerst schwierig gewesen sein. In Port Gregory wurde die erste
Port Gregory Port Jetty. Reef in Background
selbstfahrende Dampfmaschine in Australien in Betrieb genommen. Sie wurde mit dem Schiff aus England gebracht, war aber hier nicht einsetzbar, weil sie zum Einen für 3 Meilen Wegstrecke 200 Gallonen Wasser (etwa 890 l, dies Gallone hatte 4,45l) und große Mengen Brennholz brauchte, andererseits aber im Sand der Gegend hoffnungslos steckengeblieben ist. Die Maschine endete als stationäre Pumpe im Bergwerk.
Von Port Gregory nach Horrocks gibt es einen nicht in der Karte eingezeichneten Track entlang der Dünen mit dem Namen "White Cliffs Road". Eine sehr schön Strecke mit tollen Ausblicken auf das eer. Im Westen hängt immer noch eine finstere Wolkenwand. In Horrocks gibt es Lunch: Fish & Chips 4 1 (for one), das reicht für uns beide.
In Geraldton, unserem heutigen Ziel, füllen wir unsere Vorräte auf (einschließlich Diesel, das war vermutlich das letzte Mal heuer, dass wir beide Tanks gefüllt haben) und begeben uns auf einen Caravan Park in Stadtnähe. Und wen treffen wir da? Das ultimative Outbackfahrzeug, den Unimog mit der Nummer MOG500. Der Besitzer erkennt uns gleich wieder und lädt uns zu einer Besichtigung ein. Das führt zu einem langen Gespräch über Unimogs und seine Unternehmungen in dieser Hinsicht. Jim hat den Ausbau selbst entworfen und bei der Ausführung vieles selbst gemacht.
Es sieht immer mehr nach Regen aus, deshalb verzichten wir auf den Besuch im Pool, doch dann lockert die Bewölkung ganz plötzlich wieder auf. In der Camp Kitchen ist eine deutsche Work&Travel-Teilnehmerin, wir kommen ins Gespräch.

Donnerstag, 4. Dezember
Donnerstag, 4. Dezember 2014
09:58
Diesmal ist es nicht der Generator, der mich weckt, sondern ein vorbeifahrender LKW. Die Sonne kommt gerade über den Horizont. So kommt es, dass wir relativ früh unterwegs sind und entsprechend früh mit der Wanderung am River Loop - die passen Loop Trail heißt - beginnen können. Ein Foto von uns mit dem Nature Window im Hintergrund entfällt erstmal, denn die Sonne kommt von hinten.
Der Weg ist passend zu seiner Kategorie: Level 4, nicht ganz einfach, aber problemlos zu bewerkstelligen. Ziemlich früh stolpert Brigitte und schrammt sich beide Beine auf. Ich habe aber leider nur einfaches Pflaster dabei, kein sensitives, nur solches ist für sie geeignet. Und wenn man das Tea Tree Oil braucht, ist es nicht da… Wir können weitergehen.
Der Murchison River hat hier wesentlich mehr Wasser als bei Z-Bend, aber auch diese Pools haben keine Strömung, der Fluss fließt nicht. Schwarze Schwäne ziehen ihre Bahn auf dem grünen Wasser, dahinter rote Felsen unter blauem Himmel - wunderschön. Weil wir zwei Mal de Wegweiser überinterpretieren und Umwege gehen, brauchen wir dann doch knapp über drei Stunden für die 8 Kilometer, drei bis fünf Stunden soll man einplanen.
Nature Window
Direkt bei unserem Bushi ist eine schattige Picknickbank. Nur sitzt schon jemand da. Schade. Doch dann sehe ich es: Es ist das Ehepaar aus Queensland, das in Coral Bay hinter uns stand. Der Vitara steht gerade neben unserem Landcruiser. Sein Gips (er hat sich in Hancock Gorge das Handgelenk gebrochen, ich weiß nicht, ob ich das schon gesagt hatte) muss noch fast drei Wochen (er sagte zwei) bleiben, zu Weihnachten ist er aber ab, wenn nichts dazwischen kommt. Ihn hatte ich fotografiert in Coral Bay als "Mann nachdenklich am Zau", das Bild zeige ich ihm jetzt. Sie sagt sofort "Man in Contemplation", das kann ich kaufen.
In Hutt River Station - die Farm wird nach wie vor bewirtschaftet, dabei wird Getreide angebaut: Weizen,, Gerste, Raps (Canola), Lupins. Die jährliche Regenmenge ist allerdings kaum noch ausreichend, sie ist in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich von 500 mm pro Jahr auf 200 mm pro Jahr gesunken. 203 waren es sogar nur noch 180 mm. 204 war ein gutes Jahr, will der September und der Oktober ungewöhnlich heiß und der November trocken und angenehm temperiert waren.
Wir bleiben über Nacht, deshalb bekommen wir die Visa ohne dafür bezahlen zu müssen. Dafür kaufen wir ein paar Souvenirs, was uns eine Einladung von Prince Leonard - mittlerweile 89 Jahre alt, aber noch reichlich fit. Den Tod seiner Frau im letzten Jahr  nach 66 Jahren gemeinsamem Leben hat er gut verkraftet. - zum 45 jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit 2015 einbringt. Er sieht aber ein, dass das schwierig zu realisieren sein könnte. Sein Sohn Prince Graeme, hat das Tagesgeschäft mit den Touristen übernommen, er hat uns in den Campingplatz eingewiesen und die übliche Führung mit uns gemacht. Er hat mit Freude festgestellt, dass wir 2013 auch schon hier waren. Meine erste Frage war nach dem Befinden von Prince Leonard, auch das brachte uns Pluspunkte. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht ist er immer so.

Mittwoch, 3. Dezember

Auch heute schaffe ich es nicht, vor der Sonne aufzustehen, aber ich bin nahe dran. Der Generator weckt mich, er wird gerade hochgefahren. Dunkelgraue Wolken bedecken den westlichen Himmel, das sieht bedenklich aus. Dennoch frühstücken wir vor dem Auto, einige Sonnenstrahlen dringen durch die sich nach Osten ausbreitenden Wolken.
Zwei Tage lang hat mich ein Sandkörnchen unter dem rechten oberen Lid gequält. Das Auge hat getränt, aber der Fremdkörper - vom Winde verweht - wollte sich nicht rausspülen lassen. Das Auge ist noch immer etwas gereizt, aber das Schlimmste scheint zum Glück überstanden zu sein.
Eine recht eintönige Fahrt liegt vor uns, es geht den Brand Hwy entlang nach Süden. Meist kein Verkehr, keine Veränderung in der Landschaft. Doch plötzlich sind da Bäume, richtige hohe Eukalypten, sie lösen das Buschland ab. Und wenig später beginnt Farmland, riesige, abgeerntete Feder erstrecken sich beidseits der Straße. Was kann denn hier angebaut werden? So wie die Felder aussehen, scheint es ein Getreide zu sein, das schon jetzt, also vor Beginn des Sommers, reif ist und gemäht wurde. Menschen sind nicht zu sehen.
Dann biegen wir ab und fahren quer durch den Nationalpark nach Westen. Die ersten Banksia stehen am Straßenrand, gelb blühen ihre großen kerzenförmigen Fruchtstände. Daneben sind noch die Dolden vom letzten Jahr zu sehen, an den gleichen Sträuchern. Außerdem tauchen wie aus dem Nichts die ersten Grasbäume auf. Diese Gräser bilden einen dicken Stamm aus, der auch Buschfeuern widersteht. Hier hat es aber schon länger nicht mehr gebrannt, wie man auch daran sieht, dass die Grasbäume einen Rock anhaben. Ich denk, es gibt diese eigenartige Pflanze nur hier im Westen des Fünften Kontinents.
Kalbarri National Park ist ein 1.860 qkm großes Gebiet, das im Westen bei der Stadt Kalbarri an den Indischen Ozean grenzt und im Wesentlichen die Gorges  des Murchison River beheimatet. Die sind wirklich beeindruckend, der Fluss hat sich 150 m tief in das Plateau eingegraben. Wir gehen zwei Walks, einer bleibt oben in der Hochebene und bringt uns zu einer Aussichtsplattform über der Gorge, der zweite führt uns hinab in das Tal des Flusses, der zur Zeit aber nur aus einzelnen Pools besteht. Wir gehen über das Ende des markierten Tracks hinaus und folgen dem Fluss, bis das Wasser beidseitig an die steilen Felswände stößt und den weiteren Weg versperrt. Mit der entsprechenden Ausrüstung: Neoprenanzug, Neoprenschuhen und wasserdichtem Rucksack, könnten wir jetzt weitergehen und kämen früher oder später (eher später!) an die zweite bemerkenswerte Stelle, eine Flussschleife. Hier wo wir jetzt sind, hat der Murchison ein großes Z in die Hochebene geschnitten.
Entrance to Principality of Hutt River - HRH Prince Leonard
Der Campingplatz ist bei diesem Wind nicht gut geeignet: Der Stellplatz ist nur an einer Stelle ausreichend eben, und so kann ich die Nase nicht in den Wind stellen. Also entweder gut schlafen oder kochen. Wir versuchen es in der Camp Kitchen. Jetzt kann ich mich wieder erinnern an die Übernachtung hier. Damals, vor 21 Monaten, war in der Küche Hochbetrieb, jetzt hält es sich sehr in Grenzen. Ich bin der erste am Herd. Es sind wider mal nur Deutsche und Schweizer in der Küche, dabei habe ich auch Australier auf dem Platz gesehen.
Abends ist es viel zu kalt, um länger als nötig im Freien zu bleiben. Immerhin, wie in jeder Nacht - außer als ich gemerkt habe, dass es reinregnet in Mt. Augustus - bleibt die Hintertür offen.

Dienstag, 2. Dezember

Fast hätte ich die zwei Geburtstage am 1. Dezember vergessen, es ist gerade noch Zeit. Auch zum Frühstück gehen wir in die Camp Kitchen. Eine Möwe hält Wache, aber sie ist ruhig und wartet ab.
Um 10 nach 7 sind wir auf dem Weg nach Monkey Mia. Eigentlich ist das nicht so unser Ding, aber ein bisschen neugierig bin ich schon. Es läuft auch alles viel weniger spektakulär ab als ich befürchtet hatte. Die eine der beiden Rangers erzählt über Delphine und ihr Verhalten, während die zweite im Wasser auf und ab geht, im Schlepptau drei Delphine (sie schwimmen einfach neben und hinter ihr her), so dass jeder der rund 120 Touristen sie sehen kann. Das reglementierte Füttern im Beisein der Besucher soll dazu helfen, das unkontrollierte Füttern mit Brot etc. zu verhindern und die Delphine so weniger von diesen Lebensmittelgaben abhängig zu machen. Das Futter, was jetzt und bei den beiden anderen Terminen am Vormittag heute verteilt wird, reicht nicht aus, so dass die Tiere auf jeden Fall noch selbst auf die Jagd gehen müssen. Eine der Delphine ist schwanger, ihr Baby sollte eigentlich bald kommen. Dann kann es sein, dass sie nicht mehr zur Futterstelle kommt. Überhaupt sind es maximal fünf Delphine, die gefüttert werden (heute sogar nur vier), alle anderen bleiben weiter draußen. Diese fünf haben auch Namen, ich weiß nicht, ob sie darauf reagieren. Eine gewisse Intelligenz ist Delphinen ja nicht abzusprechen. Dressur steckt aber auch hier dahinter. Die Delphine dürfen nicht angefasst werden.
Waiting to be sheared

Shearing - 2 Minutes per Sheep

Four Shearer and one Rousabout

Sorting the Wool

After the Shearing Sheep rest in Shadow

Wool packed and ready for sent off

Bei Shell Beach legen wir eine Pause ein, um den weißen Strand anzusehen. In diesem Teil von Shark Bay, genannt L'Haridon Bight - welch ein Sprachenmix -, hat das Wasser einen etwa doppelt so hohen Salzgehalt wie sonst, ähnlich wie bei Hamelin Pool. Nur sehr wenige Organismen sind in der Lage, in diesem Wasser zu leben, zu ihnen gehört eine weiße Muschel. Auf einem Quadratmeter leben bis zu 4000 dieser Muscheln, sie bedecken den Meeresboden in Tiefen von 6 Metern bis unter 1 Meter - nur richtige Luft mögen sie nicht. Sie filtern das Wasser nach Plankton und leben symbiontisch mit Zooxaphagen, eine Bakterienart, die ähnlich wie Pflanzen aus CO2 und Wasser Sauerstoff freisetzen. Die Schalen der abgestorbenen Muscheln werden an Land gespült und bedecken den Strand in einer Dicke von knapp einem Meter. Bei Hamelin Pool bilden sie den Grundstock der Muschelsteine, die dort  in der Shell Quarrie abgebaut und zum Hausbau verwendet wurden.
Kurz nach 11 sind wir bei Hamelin Station. Das Büro ist nicht besetzt, wir werden von zwei freundlichen Damen aufgefordert, uns einen Platz zu suchen und "to settle" - was wir denn auch tun. Anschließend gehen wir in die Shearer Station. Eigentlich deutet nichts darauf hin, dass hier größere Arbeiten im Gang sind, nur ein zusätzlicher Generator läuft. Vier Scherer, zwei Wollsortierer und zwei Zuarbeiter sind bei der Arbeit. Der Warden und seine Frau stehen auf der anderen Seite und sehen zu, wir bleiben erstmal hier. Tatsächlich, 2 Minuten dauert es, bis ein Schaf geschoren ist. Die Leute sind alle sehr freundlich und bereit, mit uns zu sprechen neben ihrer Arbeit. Und sie sind an uns interessiert, stellen ihrerseits Fragen. Der eine Scherer, der, so wie es aussieht, jüngste und schnellste der vier, ist Neuseeländer, aber bereits seit sieben Jahren in Australien in Sachen Schafschur unterwegs.
Lazy afternoon, Schur schauen, Duschen, Lesen, Tippen. Da blitzt es blau aus dem Strauch: Ein männlicher Fairy Wren hüpft in Sichtweite, weniger als zwei Meter von uns entfernt, auf und ab, schnappt sich einen kleinen Falter und verschwindet im Gebüsch. Noch zwei, drei Mal lässt er sich blicken. Als habe er gewusst, dass ich die Kamera nicht bereit habe. Nachher bleibt er verschwunden, kommt auch später nicht mehr zum Vorschein. Aber nett war das schon.
Die große Camperküche steht leider nicht zur Verfügung - sie wird für die Shearer und das Team gebraucht, wir müssen uns mit der kleineren begnügen und unsere eigenen Teller, Gläser und Töpfe benutzen, also die aus dem Bushi.  Die kleinere Camp Kitchen ist an der Vorderseite offen, sie zeigt genau nach Westen. Das ist ein kleines Problem, weil der Wind den Gasherd ausbläst. Der Versuch mit einem Schneidbrett als Windschutz lässt sich gut an, bis ich sehe, dass sich das Plastik in der Wärme verbiegt. Der Deckel des Barbecue ist besser geeignet, bleibt aber nicht alleine stehen.
 Außerdem sind dort auch noch Rolf und Marion aus der Nähe von Wiesbaden, das ist knapp mit nur zwei Kochstellen. Wir essen dennoch zusammen und tauschen uns aus, dh. sie berichten von ihren Erfahrungen in Australien und Südamerika, wir werfen ab und zu etwas ein, wenn wir glauben, mitreden zu können. 

Montag, 1. Dezember
Watching the Dolfins

Zur Wasserversorgung der Farm ist 1924 das Artesische Becken angebohrt worden. Das Wasser, das aus eigener Kraft nach oben kommt, hat 40 Grad Celsius, es kommen bis zu 170.000 l Wasser pro Tag aus der Erde. Heute wird es nicht mehr gebraucht, deshalb ist die Durchflussmenge drastisch reduziert, nur ein "Hot Tub", ein Badebecken mit 1,20 m Tiefe und einem Durchmesser von 5 Metern steht für interessierte Touristen zr Verfügung. Es tut gut, in das Wasser einzutauchen und eine Weile sitzen zu bleiben. Da spart die heutige Dusche, was wegen des Windes, der am Nachmittag wieder richtig stark wird, sehr angenehm ist.
Wir bleiben eine Nacht hier in Denham, diesmal aber ohne Strom. Deshalb ist unser Stellplatz auch nicht ganz so exklusiv wie vor zwei Nächten. Zum Kochen und Essen gehen wir in Camp Kitchen, es sind nur Schweizer und Deutsche da. Überhaupt scheint es hier in Denham wenige Australier zu geben.



1 Kommentar:

  1. Und wieder bin ich mitgereist und habe alles gelesen. Danke. Da muessten wir ja die koenigliche Einladung von Prince Leonhard annehmen;-)

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